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Fördern im komplexen Netzwerk

Dr. Christina Siegfried, Geschäftsführerin MBM e.V.

20 Jahre MBM: Sabine Näher im Gespräch mit der Geschäftsführerin, Frau Dr. Christina Siegfried

Die 20 Jahre - eine wichtige Zeit entscheidender Weichenstellungen für die Erforschung und Pflege der mitteldeutschen Barockmusik, für die die MBM wichtige Impulse setzen konnte, aber auch eine Zeit, in das Musikleben der drei mitteldeutschen Länder in wichtigen Punkten durch die MBM geprägt wurde.

 

Wessen Idee war die Gründung der MBM?

Eine Institution wie die Mitteldeutsche Barockmusik e.V. (MBM) hat immer viele Väter – und Mütter! Für mich, die ich keine Zeitzeugin bin, stellt sich das folgendermaßen dar: Eine solche Idee lag damals förmlich in der Luft, und sie war dringend notwendig mit Leben zu erfüllen; zugleich wurde sie fast parallel aus verschiedensten Perspektiven ins Auge gefasst, übereinstimmend für notwendig befunden und ihre Realisierung daraufhin angegangen.
Aus den Erzählungen der damals Beteiligten und aus Sichtung der Unterlagen weiß ich, dass bereits ab 1993 auf Länder- wie auf Bundesebene vielfach Gespräche geführt worden sind. Es ging den Verantwortlichen in den führenden Institutionen, die sich mit der Erforschung und Pflege mitteldeutscher Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts befassten, als auch den Vertretern der Kulturabteilung des Bundesministeriums des Innern (BMI) und der Kulturministerien der Länder darum, wie mit dem reichen Schatz musikhistorisch wertvoller Bestände, Archivalien, Instrumente umzugehen war und wie man die Alte-Musik-Szene der drei mitteldeutschen Länder in ihrer Gänze unterstützen könnte. Und was heute fast selbstverständlich erscheint – die mitteldeutsche Barockmusiklandschaft als ein historisch gewachsenes Ganzes zu betrachten, dementsprechend in ihrer Vitalität und Vielfalt zu bewahren und dies auch ländergrenzen-überschreitend zu befördern –, ist bei genauerem Hinsehen ganz und gar nicht selbstverständlich. Das macht das Instrument dieser Förderung, die MBM, tatsächlich zu etwas Besonderem und durchaus zu einem Beispiel erfolgreicher Kulturpolitik. 

Wer war damals namentlich an der Gründung beteiligt?

Lassen Sie mich hier einmal konkret die Gründungsmütter und -väter benennen, denn sie gehören zu den entscheidenden Ideengebern, die sich damals „auf den Weg machten“: Dem ersten Präsidium gehörten als Präsident Dr. Claus Oefner, Direktor des Bach-Hauses Eisenach, und als Vizepräsidentin Dr. Ingeborg Stein, Direktorin der Forschungs- und Gedenkstätte Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz, an. Die weiteren sogenannten „geborenen Mitglieder“ waren Dr. Wolf Hobohm, der Leiter des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg, Prof. Dr. Hans-Joachim Schulze, der Direktor des Bach-Archivs Leipzig, Prof. Dr. Wolfram Steude, der Leiter des Schütz-Archivs Dresden, Monika Lustig vom Institut für Aufführungspraxis Michaelstein und Dr. Edwin Werner, der Direktor des Händel-Hauses Halle. Von ihnen wurde der eingetragene, gemeinnützige Verein „Ständige Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen“ am 4. Juli 1994 in Leipzig gegründet. Der etwas sperrige Name orientierte sich an ähnlichen Personengremien in der Politik, beispielsweise der Kultusministerkonferenz. Und es bildeten zunächst auch nur diese sieben Repräsentanten der genannten Institutionen die MBM. Erst 1997 wurde eine Satzungsänderung beschlossen, in deren Folge es nicht nur „geborene Mitglieder“ gab, sondern eine Mitgliedschaft allen Interessierten offen stand und das Präsidium aus ihren Reihen gewählt werden konnte.

Damals wie heute geht es um ein länderübergreifendes Wirken. – Welche Fragen waren zunächst zu klären?

Im Mittelpunkt stand Anfang und Mitte der 1990er-Jahre zunächst die Überlegung, wie die Förderung der mitteldeutschen Barockmusik als eine Aufgabe, die die drei mitteldeutschen Länder alleine nicht bewältigen konnten, als gemeinsame Leistung gebündelt und institutionalisiert werden könnte. Schwierigkeiten ergaben sich insbesondere daraus, dass die Interessen der drei Länder durchaus unterschiedlich gelagert waren, nicht zuletzt deshalb, weil die grundlegende Situation jeweils unterschiedlich war – und übrigens bis heute auch ist –, sowie aus der grundsätzlichen Frage, welche Institutionen und Vorhaben in den Genuss einer Bundesförderung kommen könnten und welche in der Verantwortung der Länder beziehungsweise der Kommunen verbleiben sollten.
Wiewohl es konkret auch um die Existenz der einzelnen Institutionen ging, richteten deren Leiter aufgrund ihrer wissenschaftlichen Kompetenz den Blick über die eigene Einrichtung hinaus auf die Wahrung des reichen Gesamterbes. Dieses sollte in all seinen Facetten – Forschung, Dokumentation, Aufführung – abgesichert werden. Und das konnte nur durch eine länderübergreifende Förderung gewährleistet werden. Auf Länderebene wurde folglich eingehend diskutiert, welche Schwerpunkte eine Förderung setzen sollte, die auf die Barockmusik fokussiert ist. Könnte und sollte man sich alleine auf die so genannten „Leuchttürme“ beschränken? Das hätte ein stark selektives Vorgehen zur Folge gehabt. Und war es den anderen Kulturinstitutionen gegenüber überhaupt zu vertreten, hier nur die Interessen der Barockmusik zu berücksichtigen? Der Reichtum der mitteldeutschen Kulturlandschaft ging schließlich weit darüber hinaus!
Zugleich ist eindeutig festzuhalten, dass aus dem Bundesinnenministerium starke Impulse für die Beschäftigung mit all diesen Fragen kamen. Da die Kulturförderung grundsätzlich Angelegenheit der Länder ist, sah der Bund das Problem, von sich aus nur wenige herausragende Projekte als so genannte „Leuchttürme“ unterstützen zu können. Gleichwohl bestand ein Interesse des Bundes für die mitteldeutsche Barockmusik als Gesamtheit. Das Leipziger Bacharchiv beispielsweise konnte problemlos als „Leuchtturm“ eingestuft und damit vom Bund gefördert werden, aber wo genau sollten bei dem reichen und vielgestaltigen mitteldeutschen Kulturerbe die Grenzen gezogen werden? Wo bestand ein eindeutiges Bundesinteresse? Der Vorstoß aus Bonn, eine Konstruktion ins Leben zu rufen, die Bundes- und Ländermittel gemeinsam einsetzen kann, stieß bei den Ländern auf großes Entgegenkommen. Dieses Vorgehen, das in Frau Dr. Gerti Peters als Vertreterin des BMI seine Impuls gebende Protagonistin besaß, zeugt auch aus heutiger Sicht von sehr hoher Agilität im Denken, Weitsicht sowie profunder Sachkenntnis.

Die MBM ist ein eingetragener Verein. Welche Gründe gab es für die Wahl gerade dieser institutionellen Form?

Das waren letztlich ganz pragmatische Entscheidungen. Nach allen zumindest grundlegenden inhaltlichen Verständigungen war die Frage der konkreten Institutionalisierung zu klären – eine ganz und gar nicht unkomplizierte Frage. Eine Vereinsgründung als Zusammenschluss von Privatpersonen war angesichts der unterschiedlichen Landes- und Bundesregelungen wie der institutionellen Anbindung der Gründungsmitglieder, respektive deren Einrichtungen, die einzig realistische Lösung, um eine solche, von allen Seiten gewünschte, gemeinsame Förderinstitution rasch auf den Weg zu bringen. Die Leiter der maßgeblichen Einrichtungen der Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden somit als Privatpersonen die Gründungsmitglieder der MBM. Diese juristische Form war damals – und ist bis heute – nicht unumstritten, denn damit wird ein öffentlicher Auftrag, für den erhebliche öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, durch einen Verein wahrgenommen, dessen Vorstand persönlich haftbar ist. Aber, und das ist zu betonen: Man fand gemeinsam einen Weg, der – auch über alle krisenhaften Situationen in den 20 Jahren des Bestehens des Vereins hinweg – ein bis in die Gegenwart gangbarer ist und der Bund und Länder im Bestreben eint, die einmalige barocke Musiklandschaft Mitteldeutschlands möglichst breit zu unterstützen und überregional bekannt zu machen.

Mit welchen Zielen ist die MBM zunächst angetreten?

Grundlegendes Ziel war es, eine auf Kompetenz, Dauer und Zukunftsfähigkeit angelegte Sicherungsmaßnahme für die Aktivitäten rund um die mitteldeutsche Barockmusik zu ergreifen. Und dies im umfassenden Sinne. Es schien umso dringlicher, als den Beteiligten der ersten Jahre klar war, dass der Begriff des ‚mitteldeutschen Kulturraums‘ durch die in der DDR geschaffenen Strukturen und kulturpolitischen Ansichten verschwiegen, in Frage gestellt worden beziehungsweise schon gar nicht mehr vorhanden war. Historisch gesehen bildete dieser Raum eine Einheit, und es bestand die Chance, diese Einheit wieder mit Leben zu füllen, auch wenn er sich in heutigen politischen Grenzen auf drei der „neuen Länder“ und Bereiche der angrenzenden „alten Länder“ verteilte. Das Bewusstsein von der Einheit dieses Kulturraums sollte aber unbedingt erhalten beziehungsweise wieder hergestellt werden. Den Gründungsmitgliedern, die als Wissenschaftler gewohnt waren, in größeren Zeiträumen und komplexen Zusammenhängen zu denken, war diese historische Bedeutung, die sie als überaus wichtig und prägend empfanden, absolut gegenwärtig.
Man wagte sich damals also durchaus auf Neuland und suchte nach einem Modell, welches das Potential in sich trug, neben einer wissenschaftlichen, institutionsübergreifenden Arbeit, neben editorischer Tätigkeit und Publikation, neben direkt von der MBM verantworteten Veranstaltungen, Konzerten und Tagungen zugleich eine Struktur zu schaffen, die den Aufgaben einer übergreifenden Förderinstitution im oben genannten Sinne gerecht würde.

Welche Aufgaben sollte die MBM ursprünglich erfüllen?

Priorität hatten zunächst die Bereiche Wissenschaft und Forschung zur Sicherstellung und Bewahrung des wertvollen musikalischen Erbes. Das hat viel damit zu tun, dass die „geborenen Mitglieder“ in erster Linie von Haus aus Musikwissenschaftler waren. Nicht nur angesichts der Situation, dass man sich dem Aufgabenfeld erst einmal annähern musste, war das wohl auch das Drängendste und Wichtigste: Quellen zu sichern, Archive zu erschließen, eine Bestandsaufnahme zu machen, Konferenzen für den kontinuierlichen Austausch zu organisieren sowie die Ergebnisse dieser Arbeiten auch zu publizieren und damit allgemein zugänglich zu machen. Als nächster Schritt sollten diese Erkenntnisse dann aber auch einem breiteren Publikum präsentiert und erlebbar gemacht werden. Von den 1990er- bis zur Mitte der 2000er-Jahre wurde sehr viel Geld in Forschungsprojekte, Publikationen sowie wissenschaftliche Veranstaltungen investiert. Die erste Arbeitsgruppe, die ihre Tätigkeit aufnahm, war die Redaktionskommission, die die Reihe der Denkmäler Mitteldeutscher Barockmusik konzipierte und deren Editionsleitung Prof. Dr. Hans-Joachim Schulze übernahm. Es wurden zudem die Jahrbücher erstellt und die Schriftenreihe zur Mitteldeutschen Musikgeschichte begründet. Der erste Band der Denkmäler-Reihe ist dann 1997 erschienen; seither sind 13 weitere hinzu gekommen. Aber, und das ist meine ganz persönliche Meinung, die Zeit solcher monumentalen Denkmäler-Ausgaben ist wohl doch vorüber – das sage ich durchaus mit Bedauern! Hinzu kommt, dass die ursprünglichen weitgreifenden Planungen leider nicht umgesetzt werden konnten. Vor dem Hintergrund eines veränderten Rezeptions- und Nutzungsverhaltens und nicht zuletzt berücksichtigend, dass wir im gegenwärtigen digitalen Zeitalter ohnehin die Diskussion um gedruckte Ausgaben zu führen haben, aber auch angesichts deutlich gekürzter Mittel sowie im Sinne eines im Verhältnis von Aufwand und Nutzen stehenden Publikationsmediums musste in den letzten Jahren schließlich eine neue Lösung gefunden werden: 2012 haben wir die neue Reihe Forum Mitteldeutsche Barockmusik aufgelegt, eine variable und offene Reihe, die mit inzwischen drei vorliegenden und drei in Vorbereitung befindlichen Bänden gut Fahrt aufgenommen hat.

Im ersten Jahrzehnt der MBM wurden Werkverträge mit langen Laufzeiten für sehr spezielle Forschungsaufgaben vergeben beziehungsweise derartige Projekte aktiv unterstützt und finanziell gefördert, so unter anderem die Forschungen zur Erschließung von Quellenmaterialien zur mitteldeutschen Musikgeschichte, die Erfassung und Dokumentation historischer Musikinstrumente in nicht spezialisierten Museen und Sammlungen in Mitteldeutschland mit über 6.000 Objekten oder die Erschließung von Archiven zur Adjuvantenmusik in Thüringen. Eigene und in Kooperation veranstaltete Kongresse und Tagungen wie im Jahr 2000 Bach und seine mitteldeutschen Zeitgenossen in Erfurt und Arnstadt, vier Jahre später Mitteldeutschland im Glanz seiner musikalischen Residenzen in Sondershausen und die zweiteilige Konferenz Wilhelm Friedemann Bach und die protestantische Kirchenkantate nach 1750 in Halle und Leipzig 2010 oder die Förderung der Konferenzen in Magdeburg, Leipzig und Weimar anlässlich des 300. Geburtstags von C.P.E. Bach 2014 seien beispielhaft genannt. Dieser Bereich ist also bis heute ein wichtiger Teil der Arbeit der MBM!
Die Förderung des lebendigen Musiklebens, also eher die musikpraktische Seite, wie dies heute vorrangig über die laufende Projektförderung der MBM erfolgt, wurde als nachfolgender, nicht minder wichtiger Schritt betrachtet. Das alles sehe ich als eine Form der damaligen Aufgabenfindung für die MBM, wobei die Schwerpunkte von den einzelnen Vertretern, je nach ihrem eigenen Aufgabengebiet, unterschiedlich gesetzt wurden. Bereits 1995 gab es daher den ersten 1. Tag der Mitteldeutschen Barockmusik in Weißenfels, und die ersten, wenn auch noch wenigen Projekte erhielten eine Förderung. Schaue ich mir die Unterlagen von damals an, dann muss ich freilich ein wenig schmunzeln: Ein ausgefeiltes Antragsverfahren wie heute gab es noch nicht. Da lief sehr viel auf informeller Ebene und „auf Zuruf“ – was nur gut war, denn in diesen ersten Jahren galt es manchmal eher, die Ärmel hochzukrempeln und anzufangen, als zu schauen, wie man erst einmal Regeln und Formalien schriftlich fixiert.

Wie haben sich die ursprünglichen Ziele und Aufgaben der MBM ansonsten verändert?

Die Hauptaufgabe der MBM ist heute die Förderung unterschiedlichster Projekte im Bereich der mitteldeutschen Barockmusik. Quasi leitmotivisch fassen wir das für uns in die vier Begriffe FÖRDERN – FORSCHEN – BEWAHREN – BEGEISTERN. Diesem seit 2010 schwerpunktmäßig die Tätigkeit der MBM fassenden Motto ging die Bewältigung einer durchaus ernsten Krisensituation voraus, in der die Aufgabenstellung wie die Arbeitsweise der MBM in Gänze auf den Prüfstand kam. Ergebnis dieser Neudefinition damals war, dass die MBM in erster Linie ihre Fördertätigkeit profilieren sollte, jedoch mit dem speziellen Fokus auf diejenigen Komponisten, Werke, Instrumente etc., die im Besonderen mit der mitteldeutschen Barockmusik und ihrer europäischen Vernetzung verknüpft sind. Die MBM, der heute rund 60 Mitglieder aus ganz Deutschland angehören, wird dafür im Rahmen einer Projektförderung in anteiliger Finanzierung mit 50% vom Bund – heute von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – und zu je einem Sechstel von den drei Ländern – dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt und dem Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur – finanziert. Der durch den vorgegebenen Etat begrenzte Rahmen fordert die MBM als eine Förderinstitution mit besonderer Zielsetzung zu einer bedachten und umsichtigen Arbeit heraus. Sie hat nicht den Auftrag einer Grundfinanzierung oder Daseinsförderung; es geht um den spezifischen Fokus, der spezielle Projekte möglich macht und den Blick für das Besondere schärft. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass wir uns damit durchaus von bestimmten Ursprungsaufgaben auch ganz bewusst gelöst haben bzw. auch lösen mussten: Die forschungszentrierte Sicht, die große Zahl von auch kleineren Eigenveranstaltungen und die breite Projektförderung im Sinne von A-Projekten mit eindeutigem Bundesinteresse und B-Projekten mit vorrangig Länder- oder Regionalinteresse lagen bis Mitte der 2000er-Jahre wohl im Konsens aller Beteiligten. Zu dieser Zeit betrug der Etat auch noch 1 Million Euro; seit 2008 müssen wir jährlich mit 616.000 Euro auskommen. Das heißt, es mussten Dinge – zum Teil wirklich schweren Herzens – aufgegeben werden, anderes musste neu gestaltet und aktualisiert werden. Die Etatkürzung war schlussendlich die Folge einer Unzufriedenheit der Fördermittelgeber, die nach mehr als zehn Jahren ein erstes Fazit gezogen hatten und die ihre Zielsetzungen nicht mehr in angemessener Weise umgesetzt sahen. Das Kuratorium formulierte die Forderung nach einer inhaltlichen Neuorientierung mit dem Ziel einer stärkeren überregionalen Ausstrahlung und einer engeren Zusammenarbeit der MBM mit den Forschungs- und Kulturzentren in den Ländern. Es ist nicht unzutreffend, dass damals die MBM durchaus in ihrer Existenz bedroht war und es grundlegender Anstrengungen bedurfte, einen neuen Weg zu beschreiten. Ende 2007 wurde das Präsidium neu gewählt, und Professor Dr. Wolfgang Hirschmann wurde neuer Präsident – und ist es bis heute. Ende 2008 schied die bisherige Geschäftsführerin, Frau Dr. Claudia Konrad, aus dem Amt, die die MBM von Anfang an nachhaltig und engagiert geprägt hatte. Im April 2009 trat ich ihre Nachfolge an. Die folgenden Jahre waren die des Ringens um eine – heute kann ich sagen erfolgreiche – Neuorientierung, in deren Folge es letztlich auch zu einem Generationswechsel gekommen ist.

Was lässt sich grundsätzlich über die Zusammenarbeit mit den Partnern in der Politik sagen?

In den ersten Jahren herrschte eine wohl von allen empfundene positive Aufbruchsstimmung: Man durfte und musste sich neue Tätigkeitsfelder erschließen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Da waltete nach übereinstimmenden Berichten ein sehr befruchtendes Zusammenwirken. Allmählich ergaben sich dann aber veränderte Ansichten der Partner; die kommunikativen Zeichen wurden wohl nicht richtig erkannt, was zu einem erheblichen Dissens führte. Als ich vor fünf Jahren meine Tätigkeit für die MBM begann, herrschte dann so etwas wie eine, ich würde sagen, „wohlwollende Wachsamkeit“. Wohlwollend, weil alle Seiten trotz der aufgetretenen Probleme der MBM die Chance für einen Neustart zugestanden. Dafür wurde ihr eine gewisse Zeit eingeräumt, um Dinge zu verändern und neu in die Wege zu leiten. Für überzeugende Konzepte wurden Gelder in Aussicht gestellt und Unterstützung zugesagt. Die Frage war also, wie kann die Tätigkeit der MBM künftig und angesichts des verkürzten Budgets aussehen? Zunächst wurden die Inhalte der Arbeit in ihrem Profil geschärft, neue Fördergrundsätze beschlossen und die Eigenveranstaltungen der MBM einer grundsätzlichen Evaluation unterworfen. Zugleich entwickelten wir ein neues, zeitgemäßes Corporate Design und es erfolgte ein umfassender Relaunch der Webpräsenzen und der PR-Arbeit insgesamt. Dafür wurden schon 2009 erste Mittel bewilligt. Ich empfand damals meine Arbeit in erster Linie als einen Schritt zur Versachlichung, ja, es war wie das Drücken einer Resettaste … In einem seither steten Meinungsaustausch und in offenen Gesprächen mit den Vertretern von Bund und Ländern wurden die gegenseitigen Vorstellungen und Erwartungen klar gefasst, Vertrauen aufgebaut. Dank einer intensiven, sachorientierten neuerlichen Aufbauarbeit von Präsidium und Geschäftsstelle, gelangen Konsolidierung und Neuorientierung. Nicht zuletzt ist ein äußeres Zeichen für diesen umfassend gelungenen Neustart darin zu sehen, dass die Geschäftsstelle der MBM heute wieder mit zwei vollen Stellen besetzt ist und eine neue Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern verabschiedet wurde. Heute kann ich, und das erfreut, von einer offenen und konstruktiven Zusammenarbeit berichten!

Was würden Sie als die drei größten Errungenschaften der MBM benennen?

Diese Frage ist für mich schwierig zu beantworten. Ich muss immer wieder sagen: Ich bin von der Fülle und Vielfalt dessen, was in diesen zwanzig Jahren seit 1994 realisiert wurde, tief beeindruckt. Etwas heraus zu heben, fällt mir schwer. Von 1995 bis einschließlich 2014 wurden allein insgesamt rund 700 Projekte gefördert. Das beinhaltet tausende Stunden Musik, tausende Besucher bei Konzerten und Veranstaltungen, hunderte Übertragungen durch Rundfunk und Fernsehen, zahlreiche Wiederentdeckungen und Erstaufführungen, tausende Seiten Dokumentation und wissenschaftliche Editionen, vielbeachtete CD-Einspielungen, nationale und internationale Kooperationen ... Als wichtigste Errungenschaft wäre also wohl festzuhalten, und da sind wir dem Ziel der Gründungsväter und -mütter der MBM doch schon deutlich näher gekommen, dass es heute weit mehr Allgemeingut geworden ist, dass die mitteldeutsche Barockmusik nicht nur aus Bach, Händel und Telemann besteht, sondern ein vielfältiges, klang- und genussvolles Gut unserer eigenen Geschichte und Tradition ist.
Wenn ich aber nach dem für mich Bedeutsamsten in meiner bisherigen Tätigkeit für die MBM gefragt werde, dann ist es das Heinrich Schütz Musikfest! Dies ist nicht nur einzigartig in der deutschen Festivallandschaft insgesamt, es ist zugleich beispielhaft für die Arbeit der MBM selbst: In einem Netzwerk von Partnern – hier sind es die Heinrich-Schütz-Häuser in Bad Köstritz und Weißenfels und der Verein Dresdner Hofmusik e.V. – mit einem kompetent-fundierten Konzept und in einer zeitgemäßen Präsentation ist dieses Musikfest heute ein breit angelegtes Forum für die Musik des 17. Jahrhunderts, das regionale Spezifik und zugleich Internationalität zu vereinen mag. Aber er ist noch viel mehr. Letztlich vermag das Leben und Wirken dieses Komponisten auch exemplarisch für die MBM und die mitteldeutsche Barockmusik in Vergangenheit und Gegenwart genommen zu werden: In Mitteldeutschland tief verwurzelt, in Europa weit vernetzt und Impulse gebend, offen für alles Neue, begierig das Ohr am Klang der Zeit und diesen Klang deutlich mitbestimmend, mit stets höchstem künstlerischen Anspruch und nicht zuletzt durchaus erfolgreich in der eigenen Vermarktung – welch eine Zielstellung und zugleich welch eine wunderbare Herausforderung für die kommenden 20 Jahre!

Gibt es denn für Sie ganz persönlich ein herausragendes Erlebnis mit der MBM?

Ja, das gibt es tatsächlich: Das waren die Tage Mitteldeutscher Barockmusik in Zittau 2011. Da hat sich für mich erstmals der Traum erfüllt, dass dieses durch die drei Länder wandernde Musikfest an dem Ort, in dem es in diesem Jahr zu Gast war, wirklich angekommen ist und sich die Menschen vor Ort damit identifizieren. Ich war da durchaus zunächst etwas skeptisch: Daraus könnte ja auch ein „Wanderzirkus“ werden ... Aber in Zittau habe ich erstmals erlebt, dass die Tage Mitteldeutscher Barockmusik nicht nur Station machen, sondern Impulse geben können, die über das einmalige Erlebnis hinaus wirken und etwas hinterlassen können. Und seither ist das glücklicherweise immer wieder gelungen!

Worin sehen Sie nun die wichtigsten Aufgaben der MBM für die nächsten Jahre?

In der Antwort auf diese Frage muss ich zunächst rückblickend anmerken, dass mir die Bedrohlichkeit der Situation für die MBM bei meinem Amtsantritt vor fünf Jahren erst im Nachhinein wirklich bewusst wurde. Aus dieser Einsicht heraus kann ich sagen: Wir – das Präsidium, das Kuratorium und die Geschäftsstelle – haben die MBM seit 2009 wieder auf Erfolgskurs gebracht. Wir sind also auf dem besten Weg und müssen diesen konsequent weiter verfolgen. Das heißt, das begonnene Netzwerk weiter zu stärken, die Kooperationen weiterzuführen, neue Partner zu suchen, um unsere weit reichenden Pläne trotz geringeren Budgets verwirklichen zu können. Neben der weitblickenden Förderung der an uns heran getragenen Projekte dürfen wir dabei nie die hohe Qualität der eigenen Arbeit aus dem Blickfeld verlieren: Unsere eigenen Projekte, Publikationen und Veranstaltungen sind die Visitenkarte der MBM!
Ich wünsche mir, und das nicht nur anlässlich des wunderbaren Jubiläums, das wir nun feiern, „daß es gut dauerhaft sey“, was laut zugehöriger Aktennotiz meinte, dass der berühmte Orgelbauer Trost mit seiner bis 1739 in Altenburg errichteten Orgel „in Ausarbeitung ieder Stimme Eigenschafft und behöriger Lieblichkeit wohl reussiret habe.” In 20 Jahren MBM haben der Verein und all seine Partner so manches Mal „reussiret“, also mit Erfolg gewirkt und Anerkennung gefunden. Mein Wunsch für mindestens weitere 20 Jahre wäre eben der: „daß es gut dauerhaft sey“!

© Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e.V.

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